»Weihnachtliche Kulturgeschichten«

»Weih-nachtliche Kultur-geschichten«

Von Hirtenfamilien und Herden – Heiliger Abend in der Provence

 

von Raimund Gründler

»So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag.« Obwohl es in der biblischen Weihnachtsgeschichte nicht direkt geschrieben steht, kann man davon ausgehen, dass die Hirten ihre Herden, die kurz zuvor im Text erwähnt sind, nicht alleine auf den Feldern zurückließen. Eine aufgeregte Gruppe von Menschen und Tieren zog wohl raschen Schrittes von den Feldern vor den Toren Bethlehems hin zu der Krippe im Stall.

Rund zweitausend Jahre später wiederholt sich diese biblische Szene an jedem Heiligen Abend in dem kleinen französischen Dorf Les Baux-de-Provence. Allerdings geschieht dies schon am Nachmittag und nicht erst in der späten Nacht. Es ist ein bunter Zug, der sich am 24. Dezember durch diesen mittelalterlichen Ort bewegt. Beeindruckend sehen die Schäfer mit ihren breitkrempigen Hüten und wallenden Mänteln aus. Auf ihren Flöten und Pfeifen spielen sie die alten Schäfermelodien, die teilweise aus dem 16. Jahrhundert stammen, Trommeln und Tamburine werden geschlagen, und die Frauen in ihren langen Gewändern tanzen die alten Schäfertänze. Sicher sind nicht alle Frauen, die sich heute im Takt der Musik bewegen, noch Schäferinnen. Aber sie halten eine Tradition aufrecht, die fest in ihrer Heimat verwurzelt ist. Und mittendrin in diesem Getümmel, das von zahlreichem Publikum aus nah und fern beobachtet wird, blöken die aufgeregten Schafe. Ein paar Esel, ohne die kaum ein Schäfer über das Land ziehen würde, dürfen selbstverständlich auch nicht fehlen. Beinahe kann man sich bei diesem Anblick in eine andere Zeit versetzt fühlen. Dazu trägt auch das mittelalterliche und unversehrte Ortsbild der 500-Seelen-Gemeinde auf einem die Umgebung weit überragenden Kalksteinplateau bei. Es hat seinen Grund, dass Les-Baux-de Provence als eines der schönsten Dörfer Frankreichs ausgezeichnet wurde.

Erinnert der Zug der Schäfer durch den Ort beinahe noch an einen fröhlichen Viehauftrieb, wird es an der romanischen Kirche St. Vincent ruhig und besinnlich. Die Schafe bleiben mit den Eseln in einem Pferch vor der Kirche, der so zur lebendigen Krippe umgewandelt wird. Zur Mitternachtsmesse, die seit über vier Jahrhunderten nach einem unveränderten Ritus zelebriert wird, werden dann einige von ihnen mit in die Kirche genommen und als »Statisten« geben sie dem Krippenspiel einen authentischen Rahmen. Dem zuletzt geborenen Lamm kommt jedoch eine zentrale Rolle zu. Auf Stroh gebettet, wird es von einem Widder auf einem geschmückten Wagen in die Kirche gezogen und von den Hirten dem Jesuskind als »Pastrage«, als symbolische Gabe, dargebracht. Auf das Krippenspiel der Schäferfamilien und der Musik- und Trachtengruppen in ihren historischen Kostümen folgt zum Abschluss des Gottesdienstes der Gang der Dorfbevölkerung zur Krippe. Angehörige der unterschiedlichsten Berufe, oft in ihren traditionellen Kleidungen und Uniformen, kommen nach vorne und bringen dem Jesuskind ihre Gaben. Und spätestens in diesem Moment entsteht der Eindruck, eine große provenzalische Krippe mit ihren Tonfiguren sei plötzlich in Bewegung gesetzt worden. Denn die Krippendarstellungen in dieser Region sind etwas ganz Besonderes: Die Heilige Familie und die Hirten mit ihren Schafen reichen bei weitem nicht. Auch in den kunstvoll gestalteten Krippen eilt die ganze Dorfbevölkerung zu dem neugeborenen Jesuskind. Da ist ein Metzger mit großen Wurstringen unterwegs, ein Müller schleppt einen Mehlsack, ihm folgen eine Bäuerin mit Hühnern und eine Waschfrau mit ihrem Korb. Briefträger, Messerschleifer und der Dorfschmied fehlen ebenso wenig wie ein Bäcker und eine Schneiderin. Selbstverständlich haben sich auch ein paar Prälaten unters Volk gemischt, und der Lehrer mit seiner Schulklasse macht dem neugeborenen Jesuskind seine Aufwartung. Ein Blick auf eine solche Krippe ist oft auch eine Lehrstunde in Trachten- und Handwerksgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts.

Die italienische Weihnachtshexe Befana

von Katharina Mölk

Während viele Kinder in den ersten Tagen des neuen Jahres schon mit ihren Weihnachtsgeschenken spielen, erwartet man in Italien gespannt den 6. Januar. Dies ist der Tag der Befana. Das Brauchtum um Befana hat Ähnlichkeiten mit jenen um den Nikolaus. So wie es das Lied »Bald ist Nikolausabend da« gibt, wird in Italien das Lied »La Befana vien di notte«»Die Befana kommt nachts« gesungen. Da singen die Kinder:

La befana vien di notte
Con le scarpe tutte rotte
Con le toppe alla sottana
Viva viva la befana!

Tutta notte sola, sola
Sulla scopa vola, vola!
Tutta avvolta in uno scialle
Con la cesta sulle spalle

Quando dormirai nel letto
Lei ti volerà sul tetto
Se tu appendi il tuo calzino
Lei ci mette un regalino

Ai bambini molto buoni
Porterà dolcetti e doni
Del monello il calzettone
Riempirà con il carbone

Voi dormite nell’attesa
E domani che sorpresa!
Che magnifica magia
Notte dell’Epifania

Die Befana kommt nachts
Mit ihren kaputten Schuhen
Mit Flicken auf ihrem Rock
Lang lebe die Befana! / Hurra für die Befana!

Die ganze Nacht allein, allein,
Auf ihrem Besen fliegt sie, fliegt sie!
Eingehüllt in einen Schal
Mit einem Korb auf den Schultern

Wenn du in deinem Bett schlafen wirst
Wird sie über dem Dach fliegen
Wenn du deine Socke aufhängst
Wird sie ein kleines Geschenk hineintun

Für gute Kinder
Wird sie Süßigkeiten und Geschenke bringen
Die Socke des Spitzbuben
Wird sie mit Kohle füllen

Du schläfst in Erwartung
Und morgen, was für eine Überraschung!
Welch wunderbare Magie
Dreikönigsnacht

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So wird uns schon aus dem Text dieses Liedes klar, wer »La Befana« ist und was sie tut: Eine alte Frau fliegt nachts auf einem Besen über die Dächer, kommt, wenn alle schlafen, wie Santa Klaus ins Haus und verteilt ihre Gaben. In aufgehängte Socken gibt sie den braven Kindern Süßigkeiten, doch den unartigen Kindern steckt sie Kohle hinein. Doch welche Geschichte steckt hinter Befana?

Der Name »Befana« leitet sich vom Dreikönigstag ab, also dem Tag der Erscheinung des Herrn (Italienisch: »Epifania«). An diesem Tag soll sich Folgendes zugetragen haben: Die alte Römerin Befana war gerade zuhause mit Fegen und Putzen beschäftigt. Da klopfte es plötzlich an ihrer Tür und einige Hirten standen vor ihr. Sie erbaten eine Auskunft: »Wissen Sie, wie man nach Bethlehem kommt?«

Befana konnte leider keine Auskunft geben und fragte, warum die Drei denn dorthin wollten. Da antworteten diese, dass sie auf der Suche nach dem Heiland seien, der gerade in einem Stall zu Bethlehem geboren sei. Sie würden nun einfach weiterhin dem Stern, der da am Himmel leuchtete, folgen, um zum Christuskind zu finden. Als sich die Hirten verabschiedet hatten, kehrte Befana zu ihrem Hausputz zurück. Doch dann kam sie ins Grübeln: Ein kleines Kind, das in einem Stall geboren war, könnte doch sicher ein paar Dinge gebrauchen. So fasste sie den Entschluss, ebenso dem Jesuskind ein paar Geschenke zu bringen. Schnell bastelte sie ein paar kleine Puppen aus Stroh. Diese packte sie zusammen mit einigen Früchten in einen Korb und machte sich auf den Weg. Doch der helle Stern am Himmel, der den Hirten den Weg geleuchtet hatte, war inzwischen verschwunden. So wusste Befana nicht, wo sie das Kind finden sollte. Auf ihrer Suche kam sie an einem Haus vorbei, in dem eine arme Familie mit Kindern lebte. Als sie die Not der Familie sah, beschloss sie, ihnen die Geschenke zu überlassen. Und dann hatte sie eine Idee: Da sie nicht wusste, in welchem Haus das Christuskind lebte, würde sie einfach jedem Kind ein kleines Geschenk bringen. Und das macht sie bis heute.

Husarenkrapferl (Engelsaugen)

von Thomas Stiegler

Die Husaren – welch Zauber umweht allein schon diesen Namen. Und ist das nicht allzu verständlich? Denn unter allen Truppengattungen waren sie die individualistischste und immer war um sie ein Hauch von Freiheit und Anarchie. Und wer ein echter Husar war, dem war das durchaus bewusst und der hielt auch etwas auf sich! So waren sie meist richtige Draufgänger, wilde Hasardeure, die voll Kühnheit in die Schlacht ritten und auch sonst in allen Situationen Herr der Lage waren. Nicht zuletzt deshalb wurde auch das Wort »Husarenstück« in unseren Sprachgebrauch aufgenommen als Bezeichnung für eine tollkühne Tat, die trotz widrigster Umstände von Erfolg gekrönt war. Die Urform des Husarenstückes nun, so ein richtiges Teufelswerk, wie es wohl einzigartig ist in der Geschichte Europas, ist dem größten Husaren aller Zeiten gelungen, dem Andreas Hadik von Futak.

Man stelle sich einmal folgende Szene vor – ein kleiner Trupp Berittener schleicht sich durch streng bewachtes Feindesland, taucht plötzlich vor den Toren Berlins auf und nimmt die Stadt im Handstreich. Nur, um nach einem Tag mit fast 250.000 Talern an erpresstem Gold wieder das Weite zu suchen und siegreich in die Heimat zurückzukehren. So unglaublich das auch klingt, genau so, wenn auch militärisch geordneter und generalstabsmäßig durchgeplant, ist es gewesen!

Ungarische Husaren, © muro

Kommen wir zuerst zu den historischen Fakten: Andreas Hadik von Futak wurde 1711 geboren und trat nach einem kurzen Ausflug in die Rechtswissenschaft schon früh den Ghilányi-Husaren des österreichischen Heeres bei. Aufgrund seines Wagemuts und seiner besonderen militärischen Fähigkeiten, die er in zahlreichen Schlachten beweisen konnte, avancierte er rasch und schon 1756 sehen wir ihn im Siebenjährigen Krieg als Feldmarschallleutnant an der Spitze seiner eigenen Truppe.

Der Siebenjährige Krieg. Heute wird er meist als jene Zeit beschrieben, in der das militärische Genie Friedrichs II. glänzen konnte und durch den Preußen zur europäischen Großmacht aufstieg. Doch im zweiten Kriegsjahr sah die Sache noch ganz anders aus und die Lage des preußischen Königs schien fast aussichtslos. Denn von Süden her griffen die Truppen Maria Theresias an, im Westen bedrängte ihn das französische Heer und im Osten stand die russische Armee bereit, um Preußen zu überrennen. Anscheinend sah Friedrich die Franzosen als seine größte Bedrohung an, denn er wandte sich gen Westen, um sich ihnen entgegenzustellen. Dadurch war er jedoch gezwungen, den Großteil seines Landes fast schutzlos zurückzulassen.

Das war die große Stunde des Andreas Hadik, der einen Vorschlag des österreichischen Befehlshabers Karl von Lothringen aufgriff und in die Tat umsetzte. Mit der Erlaubnis seiner Vorgesetzten begann er mit der Planung eines Überfalls auf Berlin und legte nicht nur die Anmarsch- und Rückzugswege seiner Truppen genauestens fest, sondern er sicherte entlang der Routen auch alle wichtigen Straßen und Brücken und verwendete mehr als die Hälfte seiner Männer zur Sicherung der Flanken.